LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt
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Pflegekonzept

Pflegekonzept „Müde macht uns die Arbeit, die wir liegen lassen, nicht die Arbeit die wir tun“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Einleitung

Mit der Erstellung dieses Pflegekonzeptes durch die Pflegedirektion werden ein inhaltlicher und organisatorischer Bezugsrahmen für die Forensisch – Psychiatrische – Pflege im LWL – Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt (LWL- ZFP) definiert.
In Anlehnung an das Pflegekonzept sind im Weiteren Abteilungspflegekonzepte und unter Berücksichtigung der Binnendifferenzierung Stationspflegekonzepte zu entwickeln. Dabei handelt es sich um die Konkretisierung spezifischer pflegefachlicher Anforderungen und Angebote. Die Behandlung der Patientinnen und Patienten erfolgt in einem interprofessionellen Kontext.
Das Pflegekonzept ist ein Beitrag des Pflege- und Erziehungsdienstes zum Gesamttherapeutischen Konzept des LWL Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt.

Auftrag und Zielsetzung

Das LWL Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt ist ein Fachkrankenhaus, in dem Maßregelvollzug für Westfalen-Lippe durchgeführt wird. Träger der Einrichtung ist der Landschaftsverband Westfalen-Lippe im Auftrag der oberen staatlichen Maßregelvollzugsbehörde des Landes Nordrhein-Westfalen.
Hier werden psychisch kranke Menschen behandelt, die auf dem Boden ihrer Erkrankung/Störung im Zustand der Schuldunfähigkeit bzw. verminderten Schuldfähigkeit eine rechtswidrige Tat begangen haben und die nach § 63 StGB in einer psychiatrischen Einrichtung zur Behandlung und Sicherung untergebracht werden. Darüber hinaus werden Patientinnen und Patienten behandelt, die gemäß §§ 126 a, 81 oder 453c StPO untergebracht sind.

Organisation und Leitung

Geleitet wird die Klinik von der Ärztlichen Direktion, der Pflegedirektion und der Kaufmännischen Direktion. Auf der Abteilungsebene hat sich das Prinzip der dualen Leitung aus ärztlicher und pflegerischer Leitung bewährt.
Dieses Prinzip ist Ausdruck der Einsicht, dass patientenbezogene und klinisch – strukturelle Belange im kollegialen Kooperationsprinzip effektiv umgesetzt werden können.
Die kleinste leitungsrelevante Einheit der Klinik ist die Station. Auch hier findet dieses Prinzip durch die Benennung einer pflegerischen und ärztlich-therapeutischen Stationsleitung Anwendung.
Die Endverantwortung für die Behandlung obliegt der Therapeutischen Leitung.

Interdisziplinäre Behandlung

Um eine spezifische, qualitativ hochwertige sowie effiziente Behandlung der Patientinnen und Patienten zu gewährleisten, ist das LWL Zentrum für Forensische Psychiatrie in vier Abteilungen gegliedert. Behandlung und Pflege werden entsprechend der zugrundeliegenden Krankheit/ Störung, deren Auswirkungen auf den Alltag sowie entsprechend der Deliktspezifika ausgerichtet. In der Abteilung I erfolgt die eingehende Diagnostik mit dem Ziel, die Patienten frühzeitig entsprechend ihrer Erkrankung/ Störung in eine Behandlungsabteilung zu verlegen und in den therapeutischen Prozess einzugliedern. In den Abteilungen II, III und IV erfolgt jeweils eine krankheits- bzw. störungsspezifische Behandlung mit einer weiteren Differenzierung in den einzelnen Stationen.
Durch den Auftrag der Besserung und Sicherung wird die Arbeit entscheidend geprägt. Die Patientinnen und Patienten sollen befähigt werden, ein in die Gemeinschaft integriertes Leben, d.h. ein möglichst selbstbestimmtes, straftatenfreies Leben in sozialer Verantwortung zu führen. Gleichzeitig müssen sie aufgrund ihrer Gefährlichkeit für die Allgemeinheit sicher untergebracht werden. Daher ist es wichtig, innerhalb der Klinik einen milieutherapeutischen Lebensraum zu schaffen,in dem den Patientinnen und Patienten individuelle Lernerfahrungen sowie Weiterentwicklung ermöglicht und sie dabei unterstützt werden, ein sinnerfülltes Leben zu führen.
Dazu sind viele Sozialisationserfahrungen nötig. Alle Einflussfaktoren auf das Umfeld der Patientinnen und Patienten sind darauf auszurichten, dass sie möglichst viele Erfahrungen machen können, um sich selbst immer besser zu verstehen. Nur so wird es ihnen möglich, auch andere zu verstehen und dadurch sinnvolle und tragfähige Beziehungen herzustellen.
Um den Patientinnen und Patienten die bestmögliche Pflege und Behandlung zu gewährleisten, arbeitet der Pflege- und Erziehungsdienst mit allen Berufsgruppen kooperativ und zielorientiert zusammen.
Die Abstimmung und der notwendige Informationsfluss zwischen allen an der Behandlung Beteiligten erfolgt über regelmäßige Konferenzen und die fortlaufende Dokumentation der patientenbezogenen Beobachtungen und Maßnahmen in der elektronischen Patientenakte (KIS nexus medicare®).

Sicherung

Sicherheit wird in erster Linie durch qualifizierte Diagnostik und Therapie, Beziehungsarbeit sowie die Gestaltung eines Milieus gewährleistet. Dabei stellen die Vorbildfunktion der Beschäftigten und die Verwirklichung eines therapeutischen Milieus, das Lernen ermöglicht, wesentliche Voraussetzungen für die Patientinnen und Patienten dar, später Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen zu können. Daneben sind organisatorische, personelle, bauliche und technische Sicherheitsmaßnahmen erforderlich. Die Sicherheitsfachkraft MRV unterstützt die Leitungsverantwortlichen in sicherheitsrelevanten Fragen. Sie berät die Beschäftigten und überprüft die organisatorischen und sicherheitstechnischen Äblaufe.

Personalstruktur im Pflege- und Erziehungsdienst

An die Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter legt das LWL ZFP hohe Maßstäbe,um eine hochwertige Behandlung und Pflege zu sichern.
Grundlage für die Einstellung in den Pflege- und Erziehungsdienst ist eine dreijährige Berufsausbildung,insbesondere in der Gesundheits- und Krankenpflege bzw. im Erziehungsdienst. Die Aufgaben- und Verantwortungsbereiche sind in den entsprechenden Stellenbeschreibungen dargestellt.
Um den Anforderungen der forensisch-psychiatrischen Pflege gerecht zu werden, ist eine Einarbeitung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie eine qualifizierte Aus-, Fort- und Weiterbildung erforderlich. Diese erfolgen zielgerichtet nach dem Einarbeitungskonzept sowie auf der Basis systematischer Personalentwicklung. Hierzu werden regelmäßig Mitarbeitergespräche gemäß der Dienstvereinbarung zur Einführung und Durchführung von Mitarbeitergesprächen (MAG) beim LWL geführt.

Das LWL ZFP führt regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen durch. Sie dienen dem Erhalt und der Aktualisierung des Fachwissens, der persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung sowie der Sicherstellung der betrieblich geforderten Qualifikation und Erfordernissen.

Um den speziellen Anforderungen der forensisch – psychiatrischen Pflege gerecht zu werden, ist es auch unabdingbare Voraussetzung, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig an Supervisionen teilnehmen. Supervision ist als professioneller Reflexionsrahmen auch im Sinne eines Instrumentes zur Personalentwicklung zu sehen. Zudem wird erwartet, dass jeder Mitarbeiter/ jede Mitarbeiterin selbständig die Aktualisierung seines/ ihres pflegefachlichen Wissens sicherstellt. Durch die Kooperation mit dem Institut für Pflegewissenschaft der privaten Universität Witten-Herdecke sind hierzu wie auch zur systematischen Praxis-Theorie-Vernetzung ideale Voraussetzungen geschaffen. Flexible Arbeitzeitgestaltung gewährleistet eine patienten- und ressourcenorientierte sowie wirtschaftliche Personaleinsatzplanung und soll die Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pflege- und Erziehungsdienstes erhöhen.

Menschenbild und Pflegeverständnis

Grundlage allen pflegerischen Handelns ist die Achtung vor der Würde und Einzigartigkeit des Menschen. Das Handeln ist darauf ausgerichtet, den Patientinnen und Patienten ein höchstmögliches Maß an Selbst- und Mitbestimmung zu gewähren. Die Möglichkeiten der Selbstbestimmung, die Entscheidungs- und Verhaltensfreiheiten haben ihre Grenzen dort, wo Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten anderer berührt werden1. Die Leitsätze des Pflege- und Erziehungsdienstes sind die Grundlage und Orientierung für das pflegerische Handeln und den Umgang miteinander. Sie dienen zur Reflexion und Entscheidungsfindung (s. Anlage 1). In ethischen Grenzsituationen besteht neben der Reflexion im Behandlungsteam und anderen Gremien die Möglichkeit einer unterstützenden Diskussion im Ethikforum, um differenzierte Optionen für die Entscheidungsfindung zu erhalten.

Standard zum Pflegeprozess

Eine wesentliche Aufgabe des Pflege- und Erziehungsdienstes ist die Begleitung der Patientinnen und Patienten bei der individuellen Auseinandersetzung mit der Erkrankung/ Störung sowie deren Auswirkungen auf den Alltag.
Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist die pflegerische Beziehung zwischen Patientin / Patient und den Pflegenden von besonderer Bedeutung. Es wurde daher der Standard zur Umsetzung einer individuellen, patientenorientierten Pflege (siehe Standard zum Pflegeprozess) entwickelt:
Der Pflege- und Erziehungsdienst arbeitet in einem patientenorientierten Bezugs- und Gruppenpflegesystem.
Jeder Patientin, jedem Patienten wird eine Bezugsperson zugeordnet, die für die individuelle, geplante Pflege verantwortlich ist. Dies beinhaltet neben der Erhebung und Feststellung des Pflegebedarfs, die Planung, Dokumentation sowie die Evaluation der Pflege. Neben diesem Bezugssystem ist ein Gruppensystem installiert, das sowohl Kontinuität für alle Beteiligten im Alltag als auch einen Ort des gegenseitigen fachlichen Austauschs und der fachlichen Beratung für die Kolleginnen und Kollegen des Pflege- und Erziehungsdienstes gewährleisten soll. Somit verstehen wir unter Gruppenpflege zum einen die Organisationsform, dass mehrere Patientinnen und Patienten im Alltag von einer/ einem zuständigen, verantwortlichen Pflegenden betreut werden.

Zum anderen dient das Gruppensystem als Rahmen für den fachlichen Austausch der Bezugspersonen einer Pflegegruppe. Die geplante Beziehungsgestaltung erfordert die Reflexion des pflegerischen Handelns und damit die Auseinandersetzung mit der eigenen Person als Pflegende.
Regelmäßige Pflegerische Fallbesprechungen und/ oder Pflegevisiten gewährleisten den fachlichen Austausch und die kollegiale Beratung.
Das Assessment ist eine wesentliche Grundlage für die Pflegediagnostik und die gemeinsam mit der Patientin/ dem Patienten geplante, individuelle Pflege. Die Pflegediagnosen bieten die Möglichkeit, Probleme sowie Fähigkeiten und Ressourcen der Patientin/ des Patienten individuell zu beschreiben und entsprechende Maßnahmen zu planen. Um umfassende Informationen zu erhalten, werden mit jeder Patientin/ jedem Patienten ein Aufnahme- und Erstgespräch sowie regelmäßige Gespräche zur Pflegeplanung und Evaluation geführt. Ein regelmäßiger, interdisziplinärer Austausch der am Behandlungsprozess beteiligten Personen muss sichergestellt sein.
Zur Überprüfung und zur Diskussion der Standards in der Praxis werden regelmäßig Audits durchgeführt.

Pflegewissenschaft

Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Pflegequalität und der wissenschaftlich begründeten Pflegepraxis wird durch den Ansatz der Praxis-Theorie-Vernetzung ermöglicht. Die Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Praxis sowie die Generierung pflegerischen Wissens aus der Praxis werden durch wissenschaftlich begleitete (Forschungs-)Projekte und die Kooperation mit dem Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten-Herdecke gefördert.
Dieses erfordert den Einsatz pflegewissenschaftlicher Beratung, Analysen und Evaluation sowie das Engagement aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sich fachlich weiterzuentwickeln und Veränderungsprozesse aktiv mitzugestalten. Das Krankenhausinformationssystem (KIS), in dem der Pflege- und Erziehungsdienst wesentliche Informationen systematisch anhand der Pflegeordnungskategorien (POK) dokumentiert, bietet die Möglichkeit, patientenbezogen Daten auszuwerten und hierdurch einen Beitrag zur pflegewissenschaftlichen Forschung zu leisten.
Mit der elektronischen Pflegedokumentation eröffnen sich Möglichkeiten, eine einheitliche Fachsprache zu entwickeln sowie anhand eines systematischen inhaltlichen Controllings ggf. Zusammenhänge zwischen medizinischen Diagnosen und Pflegediagnosen zu erkennen, zu beschreiben und auszuwerten.

Systematische Weiterentwicklung der Pflegepraxis

Zur systematischen Weiterentwicklung der Pflegepraxis wird im Sinne des Evidencebased nursing die Integration der derzeit besten wissenschaftlichen Erkenntnisse in die tägliche Pflegepraxis unter Einbezug des theoretischen Wissens und der praktischen Erfahrungen der Pflegenden, der Vorstellungen der Patientinnen und Patienten und der veränderbaren Rahmenbedingungen verfolgt.
Hierzu initiieren Leitungs- und Führungsverantwortliche den regelmäßigen Austausch und begleiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Umsetzung der Standards sowie bei der Implementierung von Konzepten und Projekten.
Besonderes Augenmerk liegt hierbei im Sinne der Lernenden Organisation auf dem Umgang mit Fehlern, die als Chance und Herausforderung gelten.


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