LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt
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Pressematerial

Geschichte des LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt – Zusammenfassung – Stand: 30. April 2009

Gründung des Zentrums
Am 1. April 1984 hat das damals neu konzipierte „Westfälische Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt“ als eigenständiges Fachkrankenhaus für die Behandlung von psychisch kranken Straftätern seine Arbeit aufgenommen. Vorausgegangen waren langwierige Entscheidungsprozesse – angefangen mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes über die Psychiatrie-Enquete 1975, dem ersten Maßregelvollzugsgesetz des Landes NRW 1983 und dem Gutachten von Prof. Wilfried Rasch aus Berlin. Im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe hatte der Forensiker den Auftrag, „zur Situation und zu Entwicklungsmöglichkeiten in der Durchführung des Maßregelvollzuges nach den § 63 und 64 StGB im forensischen Bereich des damaligen Landeskrankenhauses Eickelborn“ eine Expertise zu erstellen. Seine Analyse und seine Vorschläge zur weiteren Entwicklung der Einrichtung hat letztendlich bundesweit Impulse in der Behandlung von forensischen Patenten gegeben.

Rasch-Gutachten

Hauptkritikpunkte des 80seitigen Gutachtens unter dem Titel „Krank und/oder kriminell?“ waren ein therapiefeindliches Gesamtklima, mangelhafte Behandlungsangebote und eine fehlende Differenzierung nach Delikt- und Diagnosegruppen. Die baulichen Rahmenbedingungen waren nach seiner Auffassung auf eine Verwahrpsychiatrie ausgerichtet. Gleichzeitig unterbreitete Prof. Rasch zahlreiche Verbesserungsvorschläge wie die Einrichtung von einer Diagnostik- und zwei Behandlungsabteilungen, Intensivierung der Therapie, Fortbildung der Beschäftigten im Team oder die Bildung von Behandlungsschwerpunkten. Im Laufe der Jahre entwickelte sich vor diesem Hintergrund die Forensische Psychiatrie in Deutschland zu einem eigenen Fachgebiet innerhalb der Psychiatrie. Forschung und Lehre wurden intensiviert.

Personalien

Die Herausforderung, das neu gegründete Fachkrankenhaus aus der „absoluten Schlusslichtposition“ (Psychiatrie-Enquete) innerhalb der psychiatrischen Versorgung zu führen, übernahmen vor 25 Jahren die Ärztliche Leiterin Dr. Vera Schumann, der Leiter des Pflegedienstes Wolfgang Trampe und an der Verwaltungsspitze Günther Purwins. Träger des Zentrums ist seit der Gründung der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in Münster. Erster LWL-Dezernent für  die forensische Psychiatrie war als Leiter der damaligen LWL-Gesundheitsabteilung  Dr. Wolfgang Pittrich, der bis zu seiner Pensionierung 2003 zuständig blieb.

Erste Therapiekonzepte und Baumaßnahmen

Zwei Jahre nach der Gründung des Forensischen Zentrums wurde ein Renovierungsprogramm für die Gebäude bewilligt. Die Bettensäle wurden zumindest verkleinert  und verschwanden im Laufe der Jahre gänzlich . Mitbedingt durch die Renovierungsarbeiten kam es auch damals schon zu Überbelegungen in den verbleibenden Gebäuden. Fünf Häuser mit insgesamt elf Stationen gehörten zum früher so genannten Rottland-Bereich. Parallel zu den Sanierungsmaßnahmen wurden erste therapeutische Konzepte umgesetzt, dazu gehörte auch ein Wohngruppenkonzept. Ziel war, den Patienten möglichst lebensnahe Bedingungen zu bieten, um sie auf ein straffreies Leben nach der Entlassung vorzubereiten. Es war der Beginn der Milieutherapie in Eickelborn.

Paradigmenwechsel

In der Aufbau- und Entwicklungsphase wurde viel bewegt – teils mit großem Engagement der Beschäftigen, teils unter manchem Widerstand. Im Zuge dieses langen Prozesses blieben schwere Rückschläge nicht aus: Es gab Massenausbrüche, spektakuläre Entweichungen und zwei Morde an Mädchen aus dem Ort, begangen von damaligen Patienten des Zentrums. Die Opfer waren Sandra E. (1990) und Anna-Maria E. (1994).
Diese Verbrechen und die öffentliche Diskussion ähnlicher Ereignisse führten zu einem Paradigmenwechsel, einer Art grundlegender fachlicher Umorientierung und Ernüchterung: Waren Behandler bis Mitte der 1990er Jahre weithin noch überzeugt, jeder Patient sei mit der richtigen Therapie heilbar, so rückte nun die Sicherheit der Bevölkerung  gleichberechtigt in den Vordergrund. Neue Diagnose- und Prognoseinstrumente verbesserten einerseits die Therapie und zeigten andererseits auch die Grenzen der Behandelbarkeit auf. In direkter Reaktion auf den Mädchenmord wurde im Jahr 1994  in Eickelborn der 1:1 Ausgang eingeführt, diese Sonderreglung besteht bis heute.
In dieser Zeit machte auch die fachliche Weiterbildung der Mitarbeiter des Pflegedienstes große Fortschritte. In Zusammenarbeit mit einem Bielefelder FH-Institut absolvierte ein großer Teil der Eickelborner Beschäftigten eine sozialtherapeutische Ausbildung.

Sicherheit

Der Sicherheitsgedanke wurde schließlich auch nach außen für jedermann deutlich sichtbar: Heute umschließt die Zaunanlage, deren Bau 1999 begann, den größten Teil des  LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt. Ein Jahr zuvor hatte es eine Umstrukturierung im Behandlungsbereich gegeben: Damals wurden vier Abteilungen zur Behandlung der unterschiedlichen Störungsbilder gebildet, die eigenverantwortlich arbeiten.

Institutsgründung

Im Jahr 2000 wurde das Gutachten- und Fortbildungsinstitut gegründet. Hier werden interne und externe Fort- und Weiterbildungen für alle in der Forensik tätigen Berufsgruppen organisiert.

Sucht- und Drogenkranke

Im Jahr 2002 wurde die Abteilung für Sucht- und Drogenkranke in Eickelborn geschlossen. Die Patienten wurden ins Therapiezentrum Marsberg verlegt, so dass heute nur in wenigen Fällen Patienten nach § 64 StGB hier untergebracht sind.

Veränderungen in der Klinik

Im Verlauf der vergangenen zehn Jahre ist die Binnendifferenzierung kontinuierlich fortgeschritten: Neue Behandlungsprogramme  wurden eingeführt und weiter entwickelt. Patienten, die mit derzeitigen Therapien nicht behandelt werden können oder eine Therapie-Auszeit nehmen, wohnen inzwischen im Longstay-Haus. Die Kriterien zur Entlassung eines Patienten sind – gegenüber den Anfängen – drastisch verschärft worden. Verschiedene Kontrollinstanzen innerhalb und außerhalb der Klinik überprüfen  vor einer Lockerung die Therapiefortschritte. Die ambulante Nachsorge, in die Patienten in der Regel entlassen werden, ist in Westfalen-Lippe kontinuierlich ausgebaut worden, so dass auch nach einer Entlassung Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Entwicklung der Patientenzahl

Am 1. April 1984 waren insgesamt 338 Patienten im Forensischen Zentrum untergebracht, 15 von ihnen waren nicht anwesend. Die Gesamtzahl setzte sich aus 314 Männern und 24 Frauen zusammen. Die Belegung steigerte sich in den 1990er Jahren und erreichte einen Spitzenwert Ende des Jahres 2004 mit insgesamt mehr als 440 Patienten. Mit der Verlegung nach Rheine im Januar 2005 sank die Gesamtzahl auf zunächst 368 Patienten. Vor der Verlegung weiterer Patienten in die Wilfried-Rasch-Klinik nach Dortmund lag die Gesamtzahl erneut bei gut 400 Patienten, sie sank dann auf 365. Derzeit liegt die Gesamtbelegung bei 426 psychisch kranken Straftätern. Das Forensische Zentrum war seit seiner Gründung bundesweit eine der größten Maßregelvollzugseinrichtungen – zeitweise war sie die größte.


Beirat

Der Beirat wurde 1985 gegründet. Bis heute es Aufgabe der ehrenamtlichen Mitglieder dieses Gremiums, in der Bevölkerung um Verständnis und Akzeptanz für die Arbeit im Maßregelvollzug zu werben. Gleichzeitig ist der Beirat kritischer Gesprächspartner der Klinik.

 

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